Scoccimarro: Pizza als WM-Belohnung

4 May 2020

Das Judo-Ass des MTV Vorsfelde erinnert sich an ihren großen Tag bei der U21-WM in Zagreb.

Das Siegerpodest bei der U21-WM 2017: Giovanna Scoccimarro (2. v. l.) mit Aleksandra Samardzic (v. l.), ihrer Viertelfinalgegnerin Michaela Polleres und Halbfinal-Kontrahentin Gabriella Willems.                                              <b>Luka Stanzl/PIXSELL</b>                                              imago

Da war’s geschafft: Giovanna Scoccimarro gelöst nach ihrem Triumph im Finale der U21-WM 2017 in Zagreb.                                              <b>Klaus Mueller</b>                                              imago

Die vermeintlich schwierigste Aufgabe bei der U21-WM in Zagreb 2017 hatte Giovanna Scoccimarro (links) bereits vor dem Finale gegen Aleksandra Samarcic (rechts) gelöst. Im Viertelfinale hatte sie ihre Dauerrivalin Michaela Polleres aus Österreich im Golden Score bezwungen.                                              <b>Luka Stanzl/PIXSELL</b>                                              imago/Pixsell

Das Siegerpodest bei der U21-WM 2017: Giovanna Scoccimarro (2. v. l.) mit Aleksandra Samardzic (v. l.), ihrer Viertelfinalgegnerin Michaela Polleres und Halbfinal-Kontrahentin Gabriella Willems. Luka Stanzl/PIXSELL imago

Daniel Hotop

Wolfsburg Der eine genoss ihn still, die andere schrie ihre Freude lauthals heraus. Einmal passierte er im voll besetzten Stadion auf internationaler Bühne, ein anderes Mal beklatschten ihn wenige Zuschauer auf dem Dorf-Sportplatz. Doch alle Sportler, ob Profi oder Amateur, ob Welt- oder Kreisklasse, kennen ihn: den schönsten Moment ihrer Karriere. In loser Folge berichten in dieser Serie frühere und aktuelle Wolfsburger Athleten aller Sportarten über den Augenblick, der ihnen immer unvergessen bleibt.

Es ist eigentlich ungerecht: Giovanna Scoccimarro ist gerade einmal 22 Jahre alt. Ihre verheißungsvolle Judokarriere hat im vergangenen Herbst noch einmal richtig Fahrt aufgenommen, und kurz bevor die Corona-Pandemie den Sport stillstehen ließ, hatte der nationale Verband das Ass des MTV Vorsfelde zur Nummer 1 im Rennen um das begehrte Olympia-Ticket für Tokio auserkoren. Ihr Wettlauf mit Konkurrentin Miriam Butkereit schien zu Ende, Scoccimarro konnte sich vollends der Vorbereitung auf Tokio widmen. Als es mit der Covid-19-Pandemie immer schlimmer wurde, waren die MTV-Athletin und das deutsche Team gerade auf Lanzarote, trainierten abgeschirmt auf ihrer Anlage.

In der Folge wurde Olympia auf den Sommer 2021 verschoben. Wie die Qualifikation im Judo weitergehen wird, wenn der Sport wieder anläuft, ist noch ungewiss. Deutschlands Topkandidatin in der Klasse bis 70 Kilogramm hofft, dass es national nicht wieder zu einem Zweikampf kommen wird. Und sie hofft, dass sich international am Qualifikationsmodus nicht mehr allzu viel ändert. Nur noch eine Handvoll Quali-Turniere hätte angestanden, das Tokio-Ticket war ihr für 2020 eigentlich nicht mehr zu nehmen.

Und noch etwas ist eigentlich ungerecht. Mit ihren 22 Jahren ist die Hoffnung natürlich mehr als groß, noch zahlreiche internationale Erfolge feiern zu können. Scoccimarros schönster Moment ihrer Sportlerkarriere liegt, so die Hoffnung der jungen Frau, die aus Ehra-Lessien im Landkreis Gifhorn stammt, noch vor ihr.

Ihr schönster Moment, bestenfalls ist es ein Zwischenfazit, dass sie zieht – obwohl die Liste ihrer Erfolge schon beträchtlich ist: Bei den Frauen holte sie bereits Silber bei den Europameisterschaften, ihre Treppchenplatzierungen bei den international am höchsten bewerteten Grand Slams und Grand Prixs lassen sich schon nicht mehr an einer Hand abzählen. Und doch gab es schon den einen Wettkampf, der herausstach. Es war der 20. Oktober 2017. Scoccimarro war als 19-Jährige auf dem Sprung in den Frauenbereich. Die U21-Weltmeisterschaften in Zagreb sollten der krönende Abschluss ihrer Zeit im Nachwuchs sein. Das Judo-Ass des MTV ging den Schlussakt selbstbewusst an, nannte WM-Gold als das große Ziel, nachdem sie wenige Monate zuvor mit EM-Silber bei den Frauen bereits hatte aufhorchen lassen.

Leicht machten es ihr die Gegnerinnen nicht. Schon zum Auftakt gegen Iryna Khryashchevska (Ukraine) ging’s in den Golden Score, mit einem Waza-Ari entschied Scoccimarro das Duell zu ihren Gunsten. Damit war der erste Druck schon einmal abgefallen, die Anspannung vor den Wettbewerben ist immer groß bei der Vorsfelderin. Gegen Renata Lorinc (Ungarn) ging es dann schneller. Und dann kam der Kampf, den die 22-Jährige rückblickend als entscheidend auf dem Weg zum WM-Titel bezeichnet. Im Viertelfinale wartete Michaela Polleres. Mit der Österreicherin, damals Nummer 1 in der Nachwuchs-Weltrangliste, lieferte sich die Vorsfelderin ein Dauerduell. „Mal hat sie gewonnen, mal habe ich gewonnen“, so Scoccimarro. Und 2017? Es war natürlich ein Duell auf Augenhöhe, Hüfte an Hüfte versuchten die Kontrahentinnen vier Minuten lang, den entscheidenden Fußhebel anzusetzen, erst Sekunden vor dem Ende der regulären Zeit ging es überhaupt mal auf den Boden. Doch es reichte nicht zu einer Wertung, für keine der beiden. Also musste die Verlängerung entscheiden. Auch hier deutete sich nichts so richtig an, bis eine Minute vorbei war. Polleres setzte zu einem Hüfthebel an, das MTV-Ass konterte mit Sumi-gaeshi. Mit dem Fuß hatte Scoccimarro an der Innenseite des Oberschenkels ihrer Gegnerin angesetzt und diese über ihren Rücken hinweg geworfen – das war’s, nach 1:02 Extraminuten hatte die damals 19-Jährige diesen für sie wichtigsten Kampf auf dem Weg zum Titel geschafft.

Die Reaktion? Höflich. Scoccimarros Mimik ließ keine großen Schlüsse zu, was sie in dem Moment dachte. Heute sagt sie aber: „Nach diesem Kampf wusste ich, dass ich es schaffen kann.“ Über das Duell selbst sagt sie allerdings lachend: „Wahrscheinlich war es ein ganz langweiliger Kampf.“ Scoccimarros Reaktion war natürlich auch deshalb nicht überschwänglich, weil sie noch nicht am Ziel war. Über die Belgierin Gabriella Williams erreichte sie das Finale, in dem Aleksandra Samarcic (Bosnien-Herzegowina) wartete. Nach 3:12 Minuten gelang die entscheidende Wertung zum Waza-Ari, den Vorsprung rettete die MTV-Athletin ins Ziel. Und dieses Mal fiel die Anspannung ab, ein breites Lächeln zog über Scoccimarros Gesicht, noch einmal kurzes Sammeln vor der Urteilsverkündung, zwei Verbeugungen, eine Umarmung für Samardzic, dann brach sich die Freude Bahn.

Der entscheidende Wurf, so Scoccimarro, „kam ganz intuitiv. Das ist natürlich gut, wenn man in solchen Situationen genau das Richtige macht, ohne groß darüber nachzudenken.“ Gefeiert wurde der bisher größte Erfolg dann im ganz kleinen Kreis mit den Trainern Gottfried Burucker und Raik Schilbach, Scoccimarros persönliche WM-Belohnung war ein Pizzaessen in der kroatischen Hauptstadt. Mehr nicht? „Ich musste kurz darauf schließlich noch im Teamwettbewerb kämpfen“, so Scoccimarro, wo sie mit Deutschland noch einmal Bronze einsammelte. An ihren WM-Sieg – es war der einzige für das deutsche Team in Zagreb – kam das für sie natürlich nicht mehr heran. Den Grundstein dafür legte sie mit dem Sieg im Viertelfinale. Ihrem bisher schönsten Augenblick, der – so hofft sie – alsbald von einem weiteren abgelöst wird.

Einen Beitrag aus:

Wolfsburger Nachrichten vom 04.05.2020, Seite 20.

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