MTV - neue Satzung, vielleicht eine Kita

7 August 2015

 

Vorsfelde Vereinsvorsitzender Werner Reimer im WN-Interview - Das Sponsoring macht Bauchschmerzen.

 

Von Barbara Benstem

 

Er ist mit mehr als 5000 Mitgliedern der größte Verein Wolfsburgs und liegt landesweit an elfter Stelle. Den Stand halten, für die Zukunft neue Pflöcke in Sachen Gesundheitsförderung einschlagen - und dem MTV eine neue Satzung geben. Um diese und weitere Themen ging es jetzt im WN-Interview mit MTV-Vorsitzendem Werner Reimer.

 

Wo steht der Männerturnverein von 1862 heute? Wie würden Sie die aktuelle Lage umreißen?

 

Wir pendeln uns nach Jahrzehnten steigender Mitgliederzahlen jetzt bei 5300 ein. Wir arbeiten natürlich daran, diesen Stand als mitgliederstärkster Verein in Wolfsburg und Nummer 11 in Niedersachsen zu halten.

 

Eine entscheidende Rolle spielen bei den Vereinen ja auch die Finanzen und möglicherweise Investitionen. Wie sieht es da beim MTV in den kommenden Jahren aus?

 

Über 1 Million Euro an Krediten, die wir für unsere Projekte der zurückliegenden 16 Jahre aufgenommen haben, werden nächstes Jahr getilgt sein. Notwendige Ersatzinvestitionen werden somit leichter zu finanzieren sein. Unser jährliches Budget wird auf gut 1,7  Millionen Euro ansteigen. Es wird wie in den vergangenen Jahren auch erneut eine große Herausforderung sein, den Haushalt ausgeglichen zu halten. Da bedarf es einiger Anstrengungen.

 

Zur originären Vereinsaufgabe, dem Sport und auch dem Leistungssport: Hier macht der MTV, unter anderem beim Judo, ja immer wieder Furore. Wo geht da die Reise hin?

 

Da durften und dürfen wir uns allerdings über viele Erfolge freuen: Aufstieg in die 3. Liga im Herren Handball, Aufstieg in die 1. Bundesliga Herren Faustball, Aufstieg in die 2. Bundesliga Frauen Judo. Zahlreiche Jugendtitel in Judo und Jujutsu auf nationaler und sogar internationaler Ebene. Und schließlich als bislang größter Erfolg: Der Europameisterschaftsgewinn von Giovanna Scoccimarro. Eine Olympia-Teilnahme von ihr wäre ein Traum und Riesending für den MTV.

 

Wie sind die finanziellen Möglichkeiten im Leistungssport? Sponsoren für den Handball finden sich ja bekanntermaßen eher selten, anders als für den Fußball.

 

Das ist unser großes Problem, die sportlichen Leistungen und die Finanzausstattung. Meist folgte der Widerabstieg nach einer Saison. Im Sponsoring treten wir auf der Stelle. Der deshalb notwendige Aufstiegsverzicht unserer Handballer und die fehlende Perspektive, dass es bald besser wird, ist nicht leicht hinzunehmen.

 

Weshalb konnte aus Ihrer Sicht der MTV stadtweit zum größten Verein werden, vor dem VfL, dem TV  Jahn, dem VfB Fallersleben?

 

Der Verein hat sich unter der Führung meiner Vorgänger im Amt Ernst Streeck, Bernd-Rüdiger Obst und Hartmut Arnold nie auf dem Erreichten ausgeruht sondern immer versucht, sich weiter zu entwickeln. Die Öffnung für neue Sportarten in den 70er Jahren, der Einstieg in die Hauptamtlichkeit im Gesundheitssport in den 80er oder der Bau des MTV-Centers Ende der 90er Jahre waren die wichtigsten Meilensteine. Ich bin seit 1998 im Vorstand und seit 2002 Vorsitzender. Wir haben seither diese Weiterentwicklung mit gewisser Risikobereitschaft bei gleichzeitigem Augenmerk auf Nachhaltigkeit in der Finanzplanung fortgesetzt.

 

Der MTV war der erste Verein Wolfsburgs, der ein eigenes Sport- und Gesundheitszentrum baute und früh die Kooperation mit den Schulen einging. Wird dieser Weg weitergegangen?

 

Ja, unter dem Motto "Stillstand ist Rückschritt" werden wir weiter versuchen, auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren. Das Jugendprojekt MTV-action im Schulzentrum Vorsfelde und die Ganztagsschulbetreuung in der Altstadtschule sind wichtige Standbeine. Nach den Sommerferien wird es uns auch am Standort Moorkämpe als Träger der Ganztagsschulbetreuung geben.

 

Jetzt will sich der Verein eine neue Satzung geben. Warum?

 

Zunächst: Einen Zwang zur Änderung gibt es nicht. Allerdings geht das Satzungsteam, das die neue vorbereitet hat, davon aus, dass wir die Chancen erhöhen, durch die neue Struktur ein Problem nicht zu bekommen: Keine geregelte Nachfolge im Vorstand, was in letzter Konsequenz zur Auflösung eines Vereins führen kann.

 

Wie sollen die neuen Strukturen in der Vereinsspitze sein? Was ist der Unterschied zu jetzt?

 

Heute besteht der Vorstand aus 8 Ehrenamtlichen und 1 Hauptamtlichen. Das Risiko besteht in der Wiederbesetzung der 8 Ehrenamtlichen. Die kann ja planmäßig aber auch außerplanmäßig notwendig werden. Stimmen die Delegierten einer neuen Satzung zu, wird die Verantwortung des bisherigen Vorstands auf einen 5-köpfigen Aufsichtsrat und einen 3  bis 5 Personen umfassenden Vorstand aufgeteilt. Der neue Vorstand, der vom Aufsichtsrat aus dem Kreise der Hauptamtlichen oder auch Ehrenamtlichen berufen wird, führt das Tagesgeschäft. Er hat eingeschränkte Befugnisse gegenüber dem bisherigen Vorstand.

 

Die Funktion des Aufsichtsrates ist dann eine klassische, also zu kontrollieren und zu steuern?

 

Richtig. Sein zeitlicher Aufwand ist geringer, daher stehen die Chancen gut, dass der Aufsichtsrat ehrenamtlich zu besetzen ist.

 

Sportvereine haben eine große gesellschaftspolitische Funktion. Wo liegen da Ihrer Einschätzung nach die Herausforderungen für die Zukunft?

 

Im Kinder- und Jugendbereich sind die größten Veränderungen zu erwarten. Im heutigen MTV haben wir rund 1500 Mitglieder im Alter bis 18 Jahre. Immer mehr Eltern nehmen zeitlich immer umfangreiche Betreuungsangebote in Kita und Schule in Anspruch. Die Grenzen zwischen Jugendhilfe, Schule und Sportverein verschieben sich. Wohin genau, ist noch nicht klar zu erkennen. Durch das MTV-action für Kinder und Jugendliche ab 11 Jahren und unser Engagement in der Grundschule sind wir nach unserer Einschätzung bestmöglich aufgestellt.

 

Und was ist mit dem Thema Bewegungskita, ähnlich, wie es der VfB Fallersleben erfolgreich aufgegriffen hat?

 

Ein Sportkindergarten war schon Konzeptbestandteil 1999 im MTV-Center, ließ sich damals aber nicht realisieren. Hier suchen wir nach wie vor nach einer Möglichkeit, uns auch hier zukunftsfähig aufzustellen. Mit der Ergänzung der Satzung um diesen Vereinszweck könnten wir zunächst die Voraussetzung dafür schaffen. Der Bedarf an Einrichtungen steigt stetig und diverse Projekte laufen bereits oder werden beabsichtigt.

 

Und im Erwachsenenbereich?

 

Innerhalb des Leistungssports liegt die größte Herausforderung, wie beschrieben, im Sponsoring. Da würde ich gern noch einige Schritte vorankommen. Im Breitensport verfügen wir über eine große Vielfalt, die gelegentlich neue Impulse benötigt, aber im Wesentlichen wird es um den Erhalt dieser Vielfalt gehen.

"Wir arbeiten daran,

der mitgliederstärkste Verein Wolfsburgs und die Nummer 11

in Niedersachsen zu bleiben."

"Beim Sponsoring treten wir auf der Stelle. Der Aufstiegsverzicht unserer Handballer ist schwer hinzunehmen."

Werner Reimer, MTV-Vorsitzender über finanzielle Möglichkeiten im Leistungssport.

"Ein Sportkindergarten war schon 1999 Bestandteil im Projekt MTV-Center, ließ sich aber damals noch nicht realisieren."

Der MTV-Vorsitzende zur aktuellen Position in Sachen Mitgliederentwicklung im Vorsfelder Verein.

Reimer zum Thema Sport-Kita.

Schon früh hat der MTV aufs Thema Gesundheitssport gesetzt und auch mit den Krankenkassen kooperiert. Hier trainiert eine Gruppe die Wirbelsäulenmuskulatur. Foto (Archiv): regios24/Helge Landmann

 

 

Wolfsburger Nachrichten - 7. August 2015 - Wolfsburger Lokales - Seite 14

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