Zeit, die Fesseln abzustreifen

31 January 2014

„Zeit, die Fesseln abzustreifen“

Vorsfelde Der MTV-Gründer Wilhelm Grete war Kaufmann, Schütze – und Turner mit Freude am Singen.

Von Peter Brommer

Die Turnerriege mit Vereinsgründer Wilhelm Grete (erste Reihe, 4. von links). Repro: Peter Brommer
Die Turnerriege mit Vereinsgründer Wilhelm Grete (erste Reihe, 4. von links). Repro: Peter Brommer

Im Jahr 2012 feierte der MTV 1862 Vorsfelde sein 150-jähriges Vereinsjubiläum. Die zu diesem Anlass erschienene, gut recherchierte Chronik lässt sich nun um bisher nicht bekannte Fakten und Begebenheiten über den Beginn des Vereins und seinen Gründer ergänzen. Aus dem schriftlichen Nachlass der Familie Grete kann erstmals neues Material präsentiert werden.

 
„Wir wollen das Tiergehege einfach aus dem Dornröschenschlaf wecken.“
Grafik: Velten Huhnholz , und werwann was gesagt hat

Als ältester Sohn von Carl Grete, erfolgreicher Kaufmann und zweifacher Bürgermeister von Vorsfelde, und seiner Frau Maria, geb. Leonhard aus Königslutter, wurde Wilhelm am 21. November 1839 in Vorsfelde geboren und hier auch am 15. April 1855 konfirmiert.

Mit seinen Geschwistern erhielt er von dem Privatlehrer Eduard Schmelzkopf (1814 – 1896), dem Autor der „Scheppenstiddischen Streiche“ und der „Immen“, 1851/52 zu Hause Unterricht. Von April 1853 bis März 1856 besuchte er in Blankenburg die Schule und wechselte dann nach Braunschweig. Der Weg, nach Beendigung der Schulzeit im elterlichen Geschäft mitzuarbeiten, war vorgegeben, so dass er als Kaufmann nach Vorsfelde zurückkehrte. Am 19. Oktober 1860 wurde er in die Vorsfelder Schützenbrüderschaft aufgenommen. Unterschrieben ist die Schützenurkunde unter anderem von seinem Vater als dem damaligen Schützenmeister.

 
„Wir wollen das Tiergehege einfach aus dem Dornröschenschlaf wecken.“
Grafik: Velten Huhnholz , und werwann was gesagt hat

In Braunschweig hatte sich Grete offenkundig dem 1847 gegründeten Männerturnverein angeschlossen und dort Vorstellungen entwickelt, die er dann in Vorsfelde in die Tat umsetzte. Sein Vater schrieb ihm am 28. Februar 1861: „Es ist wahrlich an der Zeit, dass wir uns die widerrechtlich angelegten Fesseln abstreifen. Ob die Landboten die Courage und Energie haben, die Forderungen des Volkes der Regierung gegenüber zu vertreten, müssen wir abwarten. [...] Das Volk muss gegen die Reaction auftreten.“

Eine Möglichkeit im Kampf gegen die Reaktion zur Durchsetzung demokratischer Ziele sah er dabei im Turnen. In einem weiteren Schreiben vom 8. September 1861 forderte der Vater, im Turnverein auch Fechtsport zu betreiben und dem Verein einen Sängerchor anzuschließen.

Der Gesang erhebe das Gemüt, wecke den „Sinn für das Edlere und Schönere“ und fördere die gesellige Unterhaltung. Diese Forderung war für den Vater folgerichtig, hatte er doch 1845 den zwei Jahre zuvor gegründeten Männergesangverein dem Bürgerverein unter seinem Vorsitz angegliedert. Am 8. August 1862 kam es dann zur Gründungsversammlung des MTV, in der Wilhelm Grete zum ersten Vorsitzenden gewählt wurde. Gleich im nächsten Jahr nahm er vom 2. bis 4. August 1863 am allgemeinen deutschen Turnfest in Leipzig teil. Die von seinem Vater geforderte Verbindung von Turnen und Gesang wurde dort praktiziert, wie es das dazu herausgegebene „Allgemeine deutsche Schützen- und Turnerliederbuch“ zeigt.

Ab 1863 maß sich der MTV regelmäßig auf Bezirksturnfesten mit anderen Vereinen. Das Foto, es dürfte das älteste Vereinsfoto überhaupt sein, wird wohl auf solch einem Turnfest um 1870 entstanden sein. Es zeigt den Vereinsvorsitzenden Grete (in der vorderen Reihe 4. von links) mit elf weiteren Turnern bereits in ziemlich einheitlicher Turnerkleidung (mit unterschiedlichem Turnergürtel, versehen mit dem Turnergruß „Gut Heil“). Voller Stolz trägt ein Turner das von Eichenlaub umrankte Schild „Vorsfelde“.

Den Vorsitz im Verein legte Grete 1874 nieder, um dann zwei Jahre später auszutreten. Grund war nicht etwa eine Verärgerung über Geschehnisse im Verein, sondern eine private Umorientierung. Er hatte nämlich erkannt, als Kaufmann nicht so erfolgreich wie sein Vater wirken zu können, so dass er über Braunschweig nach Holzminden zog und dort eine Stelle als Buchhalter annahm. Folgerichtig kam es mit seinen Brüdern Otto (1841-1903), 1872-1878 Bürgermeister in Vorsfelde, und Karl Friedrich Wilhelm Theodor (1848-1911), 1874 Schützenkönig in Vorsfelde, zu einer Erbteilung. Wilhelm schied aus dem elterlichen Geschäft aus und ließ sich ausbezahlen. Eine enge Beziehung bestand zu seiner einzigen Schwester Therese (1843-1871), die in Braunschweig verheiratet war und in jungen Jahren bei der Geburt ihres Kindes verstarb. Hoffmann von Fallersleben widmete ihr zwei Gedichte, die als Autograph erhalten sind.

Am 22. April 1880 heiratete Wilhelm Grete in Braunschweig Dorothea Schulze aus Brackstedt. Als einziges Kind wurde am 31. Januar 1881 die Tochter Elisabeth geboren. In Holzminden ist er dann am 21. März 1906 verstorben.

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